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André Rieu wird 70 Jahre alt!

Herzlichen Glückwunsch, lieber André Rieu zu Deinem heutigen 70. (!) Geburtstag!

Unvergesslich, die gemeinsamen Momente mit Dir und Deinem Orchester! - Nachstehend ein Auszug aus diesem Erlebnis ...

Fotos: © bert knottenbeld - http://bit.ly/2lCFydg, CC BY-SA 2.0, http://bit.ly/2mzFn2N. + https://www.andrerieu.com/de

Ein Auszug aus der Lebensgeschichte von Waldemar Grab: "Bin so gern auf Erden", Brunnen-Verlag, Gießen; 4. Auflage. 
ISBN: 978-3-7655-1123-3.  Shop: HTR-Shop    

>> ... Der Mann, der kurz nach halb eins in der Nacht die Bar betrat, war schlank, groß und hatte schulterlanges Haar.

Ich sah nur kurz auf und da mir einige Gäste die Sicht zur Tür verdeckten, spielte ich weiter, ohne dem neuen Gast besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Trotzdem registrierte ich, wie er sich einen Weg zur Bar suchte – besser gesagt: Er suchte ihn nicht, die Leute machten ihm automatisch Platz, während er zum Tresen ging. So, als ob ein Staatsoberhaupt, vor dem man vor Respekt einen Schritt zurücktritt, die Piano-Bar betreten hätte.

André Rieu, den „sympathischen Zaubergeiger“, den „Enkel von Johann Strauß“, den Walzerkönig, den Mann, dessen „Herz im Dreivierteltakt schlägt“. Mir fiel ein, dass im Laufe des Abends jemand erzählt hatte, Rieu sei in der Stadt für Fernsehaufzeichnungen seines Weihnachtskonzertes.

 

     Der berühmte Gast bestellte sich etwas zu trinken, und nach wenigen Augenblicken war die in der Bar übliche Betriebsamkeit wiederhergestellt. Nur fünfzehn Minuten später ging er wieder. Ich spielte gerade einen Blues, das war’s. Scheinbar unbeeindruckt verließ er die Bar. Schade, dachte ich. War mein Repertoire nicht richtig? Hätte ich lieber den „Kaiserwalzer“ spielen sollen? Sei’s drum, es war schön, dass er reingeschaut hatte. So konnte ich wenigstens morgen meiner Sekretärin erzählen, ich hätte für den „Maestro André Rieu“ gespielt!

 

    1.20 Uhr, es regte sich etwas am Eingang zur Bar. Etwa zehn junge Männer und Frauen kamen herein und es war sofort zu erkennen, dass es sich um Musiker handelte: Die Männer hatten ihre Blasinstrumente in der Hand: Posaune, Waldhörner, Trompeten. Als Letzter kam der Meister selbst. Doch nichts mit Johann Strauß und English Waltz: Die Musiker setzten sofort ein ins „‘s Wonderful“ von George Gershwin und so hatten wir innerhalb von Minuten ein kleines Swing-Orchester geboren. Sie können sich diese Stimmung kaum vorstellen, aber diese „Session“ war wirklich die schönste, die ich seit Langem erlebt hatte.

  

   Bis vier Uhr morgens spielten wir Swing vom Feinsten. Einige Gäste hatten gleich zu Beginn unserer Session die Bar aus Platzmangel verlassen, um im direkt angrenzenden Foyer des Hotels nach den alten Melodien ein Tänzchen zu wagen. Es dauerte nicht lange, bis auch schon die ersten Hotelgäste aus dem Lift kamen, einige sogar mit bettfeinen Lockenwicklern im Haar, andere im Bademantel – und alle schwoften mit. Keine Beschwerden. Ein unvergesslicher Abend!

  

   In dem Getümmel ging leider auch ein Glas zu Bruch und allen stockte der Atem, als sich André an einer Scherbe, die er vom Boden aufheben wollte, in den Finger schnitt. Nicht auszudenken, wenn seine goldenen Finger durch unseren Übermut Schaden davongetragen hätten. Aber er lutschte sich kurz das Blut ab, legte ein Stück Serviette auf die Wunde und lachte. „Alles okay“, sagte er und weiter ging’s. Als wir uns verabschiedeten, musste alles ganz schnell gehen. Umarmung hier und Küsschen da.

   

Kein Adressentausch, nur ein gegenseitiges Lächeln, das mehr als ein „Danke“ ausdrückte. „Ich finde dich, wenn ich dich brauche“, sagte André Rieu mit seinem flämisch-deutschen Dialekt, als er sich von mir verabschiedete. Ich hörte mich so etwas wie „Ich dich auch, André“ sagen, alle lachten.

 

André Rieu hielt Wort. Ein gutes halbes Jahr später klingelte in meinem Büro das Telefon. „Waldemar? Hier ist André!“ Ich erkannte ihn sofort, seinen Akzent, der wie der eines bekannten holländischen Showmasters klingt, und freute mich, dass er anrief. Nach einem kurzen, persönlichen Abfragen, wie es gehe, kam er dann auf den Punkt. „Kannst du nächste Woche nach Maastricht kommen? Ich brauche dich als Überraschungsgast!“

   Ich kannte meinen Terminkalender, der war über Monate schon dicht. „Ich habe einige Termine, aber ich werde sehen was ich tun kann. Ich rufe dich in zwei Stunden zurück!“, antwortete ich und wartete, bis er nach einer kurzen Verabschiedung aufgelegt hatte.

   

  Fragen Sie mich nicht, wie ich es geschafft habe, aber ein paar Tage später saß ich tatsächlich im Zug nach Maastricht, wo mich ein Chauffeur vom Bahnhof abholte. Er erklärte mir, dass wir uns auf dem Weg zum Privatschlösschen des Meister befänden, wo eine große Musikgala stattfinden werde. Er müsste mich in der Garage absetzen, wo ich auf Herrn Rieu warten solle. Aber der Gastgeber hatte meine Ankunft schon erwartet und kam sofort, um mich zu begrüßen: Es seien einige Hundert wichtige Gäste zu einem Privatempfang geladen und er werde mich in etwa einer Stunde als Überraschungsgast ankündigen – „und dann ist Swing-Time“, meinte er noch fingerschnippend, bevor er wieder nach oben entschwand.

   Ich ging ein bisschen herum und schätzte sein kleines Schloss auf gut 10.000 m2. In Holland war er schon viele Jahre ein gefragter Star, bevor er auch in Deutschland, Europa – ja, mittlerweile sogar in Amerika und Asien Fuß fassen konnte.

   In der sogenannten Garage, wo ich auf ihn warten sollte, hatte unter anderem die Cateringfirma ihr logistisches Lager aufgeschlagen. Ich ließ mich mit kühlen Getränken und ein paar Häppchen verwöhnen. So hätte es ruhig noch eine Weile weitergehen können.

 

   Dann war es soweit. André holte mich persönlich ab, ich richtete noch einmal meine Fliege, Noten hatte ich keine mit, und dann betraten wir locker das riesige Foyer seines Hauses. Kaum hatte ich den Raum betreten, johlten die Orchestermitglieder, denn sie hatten mich sofort wiedererkannt. André erzählte für die übrigen Gäste kurz unsere Begegnung in der Lübecker Piano-Bar und zeigte dann auf das Klavier. Teile seines Orchesters hatten schon Position bezogen und es war klar: „Die Session von Lübeck“ sollte wiederholt werden.

 

   Ich will es vorwegnehmen: Es gelang noch einmal. Normalerweise bin ich eher skeptisch, schöne, einmalige Dinge mit Vorsatz zu wiederholen, aber dieses Mal lief es wie am Schnürchen. Die Erlebnisse mit André haben mich sehr bereichert und mir pure Lust aufs Leben beschert. Meine musikalische "Karriere" nahm ihren Lauf.

 

Anm.: Später, nach meinem Bibelschulbesuch, habe ich mich immer wieder an eine Geschichte erinnert, die André hier und da erzählte. Sein Vater war klassischer Dirigent in einem Symphonie-Orchester, wo auch André die Geige spielte. Aber es machte ihm zunehmend keinen Spaß mehr, denn die Musik, wie er sagte, kam immer häufiger zu kurz. Glücklich sei er dort nicht gewesen und man hätte ihm das an seinem Gesicht und seinem ganzen Wesen abspüren können. In diesem Orchester ging es immer häufiger nur um Dienststunden, Urlaubs- und Feierabendregelung, Geld und Struktur einer Gewerkschaft usw. Das, worum es tatsächlich gehen sollte, nämlich das Vermitteln von großartiger Musik, geriet immer mehr ins Hintertreffen. Erst als Rieu das Orchester verließ und sich mit seiner Frau überlegte, sich selbständig zu machen, sei er wirklich glücklich geworden.

  

 Ich muss oft daran denken, weil ich immer wieder im Leben auf solche Umgestaltungen ursprünglich ehrenwerter und großartiger Ziele gestoßen bin, wo man, oft ohne Not, die Hauptsache nicht mehr als Hauptsache erkannte. Und ich traf immer wieder auch auf Menschen, die in diesen Strukturen verbittert und vergrämt gealtert waren. Diesen Menschen rate ich heute immer und ohne Umschweife, ganz gleich, in welchem Verhältnis sie bislang zu Gott standen, den Blick unverzüglich nach oben zu wenden, damit ein Augenkontakt zwischen ihnen und ihrem Schöpfer entsteht.

   

„Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten“,

sagt die Bibel in Psalm 32,8. Dieses Angebot, das Gott uns Menschen macht, funktioniert nur bei „Blickkontakt“! Und das Wunderbare: Es gilt jedem Menschen, egal, ob er diesseits oder jenseits der Glaubensgrenze steht, egal, ob er glaubt oder nicht glaubt!