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Im ersten Moment verstand ich ihn ...

Wir kennen alle diese Geschichte des verlorenen Sohnes und wissen, in welcher Gefühlswelt sich der ältere Bruder befand. Er schuftete von morgens bis abends im elterlichen Betrieb, während der Bruder seinen Erbteil verprasste. Ich konnte ihn verstehen, als ich die Geschichte zum ersten Mal las.

 

Foto: Die Rückkehr des verlorenen Sohnes; Rembrandt van Rijn, 1666–69; © Wikipedia, gemeinfrei.

"Er aber, der Vater, sprach zu ihm, dem älteren Sohn: "Mein Kind, du bist doch allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist doch auch dein. Wir müssen doch jetzt fröhlich sein, denn dein jüngerer Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden und er war verloren und ist wiedergefunden worden."  Lukas 15,31.b  

grün: Diesen Text lasen Sie im Montagsbrief

 

Wir kennen alle diese Geschichte des verlorenen Sohnes und wissen, in welcher Gefühlswelt sich der ältere Bruder befand. Er schuftete von morgens bis abends im elterlichen Betrieb, während der Bruder seinen Erbteil verprasste. Als alles weg ist, kommt er wieder und alle feiern, als wenn der Messias selbst gekommen wäre. Für ihn, das Arbeitstier in der Familie, wurde so etwas noch nie gestaltet, selbst an seinem Geburtstag bekam er kein "Böckchen vom Grill". Als er vom Feld kommt und ihn der Vater hereinbittet, wird er deutlich.  -  Jetzt kommt der Moment, wo ich mich gefühlsmäßig auf die Seite des älteren Sohnes schlage ...

 

Erinnerungen kommen hoch, die rein irdische Bewertungsskala, mit der ich jahrzehntelang selbst gemessen habe. Es ist dasselbe Gefühl, wie im anderen Gleichnis Jesu, wo einer der drei Knechte, die das Geld des Gutsherren verwalten sollten, die anvertrauten "Talente" vergrub, damit niemand sie stehlen kann und sie einfach geschützt sind, bis der Verwalter wiederkommt. Die anderen haben zwar mehr daraus gemacht, aber das hätte ja, rein spekulativ, auch schief gehen können. Ja, so rein gefühlsmäßig war ich zunächst auch auf der Seite dieses Knechtes. 

 

Und jetzt kommt die göttliche Draufsicht, die mir in diesem 'Gleichnis im Gleichnis' deutlich wird: Die Freude über die Erlösung, dieses innere befreit sein, das authentische Glück, Gott nahe zu sein ... das beginnt nicht erst, wenn ich für immer die Augen schließe. Wer heute um Punkt 18 Uhr sein Leben Christus übergibt, befindet sich Punkt 18 Uhr im Status der Ewigkeit. Da ist nichts, was ihn aus Gottes Hand reißen kann. Und auch, wenn ich gerade aus irdischer Sicht gar keinen Grund zur Freude haben täte, so ist eines sicher: Wer sich an Gottes Gnade genügen lässt, hat einen unbezahlbaren Reichtum getankt.

 

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Und was den Unterschied zum Gleichnis mit dem Knecht, der das Geld vergrub und zu diesem, dem verlorenen Sohn, angeht: Das Gleichnis mit den drei Knechten beschreibt die Situation, wie wir mit dem umgehen sollen, was Gott uns anvertraut hat. Zum Beispiel: Sein Wort. Wer nichts daraus macht, für sich und auch für andere, es vergräbt, nur als lästiges Anhängsel sieht, das man nicht pflegen und bearbeiten sollte, der hat den Zorn des Verwalters (!) verdient.

 

Und hier, beim 'Verlorenen Sohn' handelt es sich um das klassische Wiederbekehrung-Bild. Jahrelang in der Obhut einer christlichen Familie (z.B.) aufgewachsen, alles wurde befolgt, es mangelte an nichts, bricht der Sohn aus, um die Welt zu erobern. Doch die Reue folgt auf dem Fuße. Kein Geld mehr, keine Freunde mehr - so tickt die Welt.

 

Was für ein Gefühl der Demut den Rückkehrer wohl überkommen hat? Während die Schritte des Vaters immer schneller wurden, als dieser ihn kommen sah, wurden seine vermutlich langsamer, vor Scham und vor Reue. Was für eine schönes und mutmachendes Bild , doch jederzeit zurückkehren zu können. 

 

Bin ich nicht, rein hypothetisch betrachtet, zu sehr in meinen irdischen Aufgaben verstrickt, dass ich diese unaussprechlich große Freude, die z.B. auch die Engel hatten, als ich mich für ein Leben mit Jesus Christus entschied, kaum noch wahrnehme? Stehe ich vor dem Festsaal und schiele auf die, die gerade im Mittelpunkt stehen ... oder komme ich mit rein und feiere, dass da jemand zurückgekehrt ist, in die Familie Gottes, - und freue mich, dass ich den Vater so froh erlebe. Das steckt doch an, oder?   wg

 

Bild: Die Rückkehr des verlorenen Sohnes; Rembrandt van Rijn, 1666–69;

Wikipedia, (c) gemeinfrei

 

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