· 

Der aufmüpfige Landwirt

Es war einmal ein Landwirt, der sich sehr über die Wetterkapriolen seines Herrgotts beklagte. „Man kann sich nicht mehr auf Sonne und Regen verlassen,“ klagte er ihm, „mal gibt’s zu viel Sonne und zu wenig Regen und mal ist es zu viel Regen und zu wenig Sonne. Bei allem Respekt, Herr, ich glaube, wenn ich es für meine Felder selbst bestimmen könnte, würde ich es besser machen. Hörst Du? Ich würde es besser machen, aufgrund meiner jahrzehntelangen Erfahrung im Ackerbau!“

 

Mit diesem Unmut legte er sich schlafen und in der Nacht sprach Gott in aller Freundlichkeit zu ihm. 'Er könne morgen damit anfangen,' sagte er ihm im Traum, 'doch die Zusage gelte nur für seine Felder und das auch nur genau für 12 Monate.'

 

Und so begann der Landwirt, dem man nicht sagen nachsagen konnte, nicht fleißig zu sein, sein Feld zu bestellen. Er bereitete den Boden vor, säte die Saat, achtete auf das Unkraut und bestellte Regen wie Sonne in angenehmem Wechsel. Wenn es mal zu kalt war, machte er es wärmer, wenn es zu heiß war, schob er Wolken vor die Glut. Tag ein, Tag aus war er fast mehr mit dem Wettermachen beschäftigt, als mit seinen Feldern. Möglichst viel Weizen, Roggen und Raps zu ernten, das war sein Bestreben. 

                                                                                                                                                                                                                                                                                             HTR-Lizenzen: AdobeStock_68003431 · AdobeStock_32079090 · AdobeStock_79761349

Alle staunten, denn die Saat ging auf und wuchs, die grünen Halme wurde größer und größer, der Weizen leuchtete Goldgelb, das Roggenfeld sah saftig aus und die Ähren standen wie eine Eins in Reih´ und Glied. Das Rapsfeld war so groß und leuchtend gelb, dass man die Augen schließen musste, wenn man länger darauf blickte. Es schien so, als wenn er in der Tat die schönsten Flure hatte - und nun war es so weit, es kam es zur Ernte.

Der Landwirt betrat stolz sein Weizenfeld, um hier und dort eine Ähre auf ihren Inhalt zu prüfen. Aber was war das? In der ersten Ähre gab es keine Körner, in der zweiten nicht und auch nicht in der dritten ... schnellen Schrittes marschierte er eine Schneise in das unberührte Feld und raufte Ähre um Ähre. Keine einzige von ihnen trug die ersehnten Körner ...!

 

Der Landwirt war verzweifelt und ging beschämt nach Hause. Als er alleine in der Kammer war, sprach er zaghaft zum Herrgott. „Was ist denn passiert? Habe ich etwas falsch gemacht? Das kann ich mir gar nicht vorstellen!“

 

Gott schwieg eine Weile, dann antwortete er bedacht: „Es war vieles wunderbar, mein Knecht. Du hast es zur rechten Zeit regnen lassen, zur rechten Zeit schien die Sonne und auch die trockenen Phasen waren gut bedacht. Doch du hast den Wind vergessen. Ganz gleich, in welcher Stärke du ihn bestellt hättest, aber du hast ihn vergessen. Ich habe mir bei der Schöpfung etwas dabei gedacht, denn nur durch den Wind können die Blüten deiner Saat bestäubt werden. Du weißt es selbst, ohne diese Bestäubung kann nichts entstehen. Der Weizen bestäubt sich selbst durch die Bewegung der Halme. Doch dazu benötigst du den Wind. - Dein Roggen und dein Raps, das sind Fremdbestäuber, sie benötigen erst recht den Wind, der die Pollen fremder Arten zu den Blüten deiner Felder trägt ... ... soll ich weiterreden?“

 

„Nein, nein, ... Es tut mir leid ..." antwortete der reumütige Landwirt sofort. "Ich habe mich aufgespielt und dachte tatsächlich, mit meinem Wissen und meiner Hochmütigkeit, dass ich kann, was du kannst und dass ich lenke, was du lenkst. Bitte schenke mir in Zukunft wieder deinen Segen, so wie du ihn gerecht empfindest und gib uns unser tägliches Brot, wie du es seit Generationen getan hast.“           

                                                                                                                                                                                          Idee: Verfasser unbekannt. Prosa: Waldemar Grab.

 

 

Meine Überlegungen hierzu:

 

1. Auch wenn du in deinem Bereich über ein hohes Fachwissen verfügst, übernimm nicht Gottes Aufgaben.

 

2. Setze bei deinen Planungen und deinen Taten immer deinen Verstand und dein Wissen ein, doch vergiss nie, dass an Gottes Segen alles gelegen ist.

 

3. Der Wind ist das Synonym für den Heiligen Geist. Wenn du ihn nicht wehen lässt, weil du denkst, du schaffst es alleine, werden aus deiner Arbeit und Mühe keine Früchte hervorkommen.

 

... und 4. 

Denke dabei auch an den Feigenbaum, den Jesus zu Beginn der Passionswoche verdorren ließ, weil er voller Blätter war, aber ohne jede Frucht.

 

Gemälde: James Tissot_Brooklyn Museum, 2008, 00.159.197_PS2 · Wikimedia