· 

Die Kakophonie der Uneinheitlichkeit des Betens oder: Der kleine Moment der Überwindung

 

Es ist wieder „Wahljahr“. So lange ich denken kann, habe ich die Möglichkeit genutzt, Briefwahl zu beantragen und so stehe ich nun in meiner Pension, rund 500 Kilometer von zu Hause entfernt und habe den Wahlzettel in der Hand. Irgendwie hat man ja immer irgendwie die Hoffnung, dass man mit den Kreuzchen etwas ändern kann. Oder auch, dass sich nichts ändert. Vielleicht sollte ich mal um Weisheit beten.

Letzten Samstag erzählte mir der 11-jährige Sohnemann eines Gemeindemitglieds stolz, dass er für den ersten Tabellenplatz von Borussia Dortmund bete. Das Dumme: Seiner zwei Jahre jüngeren Schwester gefiel das überhaupt nicht und sie betet nun für die anderen (Anm.: für die, am Weißwurst-Äquator).

 

Am Telefon sagte mir ein Freund, dass er für den Sieg einer bestimmten Partei die Hände falte und führte dann seine Gründe auf. Wollte er neben dem Herrgott auch mich überzeugen? Letzteres wird wohl ein etwas schwereres Stück Arbeit.

Wenn ich nun im Gegenzug für den Sieg meinerfavorisierten Partei bete ... was dann? Neutralisiert Gott dann die beiden Wünsche?

 

In allen Parteien unseres Landes bekennen sich Christen zu ihrem Glauben und ich gehe davon aus, dass ein jeder von ihnen für seinePartei betet und Gott um Beistand oder gar Sieg bittet. Ich überlege mir bei diesem Gedanken gerade ernsthaft, wie der Vater im Himmel eigentlich auf all diese unterschiedlichen "Interessen-Fürbitten" reagieren soll, die man übrigens auch in anderen, konkurrierenden Gruppen und Vereinen findet. 

 

Wenn die einen für Bayern München beten und die anderen für Dortmund, die einen für die CDU/CSU und die anderen für die SPD ... Schwarze, Rote, Grüne, Blaue, Gelbe ... welche immense Geräuschkulisse dringt da bloß an GOTTES Ohr! 

 

Selbst wenn jedes unserer Gebete für IHN ein Schönklangist, steckt Jesus, rein hochachtungsvoll menschlichbetrachtet, in einer ganz schönen Zwickmühle, wenn er unsere Anliegen an den Vater weitergibt. Wem soll GOTT bloß wohlgesonnen sein, den

einen oder den anderen geliebten Kindern? Wird nicht dieser Schönklangaller Gebete zu einem großen Meer von Dissonanzen, einer 'Kakophonie der Uneinheitlichkeit', sozusagen?

 

Keine Sorge: Ich zweifle nicht wirklich daran, dass der große Souverän unseres Lebens hier nicht weiß, wie er reagieren soll. Ich möchte es nur verdeutlichen: Die Hoffnung, die ich in ein bittendes Gebet lege, soll doch am Ende eine Situation verbessern.Je mehr ich mich dabei jedoch auf meine erwünschte Antwort festlege, desto mehr versuche ich auch Gott auf sein Handeln festzulegen ... und je mehr werde ich wohl enttäuscht sein, wenn es anders kommt. 

 

Wäre eine gewisse Anspruchslosigkeit in meinem bittenden Gebet nicht der Hoffnung am Nächsten, dass es am Ende so kommt, wie GOTT es für richtig erachtet? 

 

Ich setze mich an den Schreibtisch meines kleinen Hotelzimmers und mache mein Kreuz auf dem Wahlzettel. Es kostet mich einen kleinen Moment der Überwindung, doch dann bitte ich darum, dass meine Stimme SEINEM Willen gerecht wird. „Mein Herz hat es sich nun so gedacht, HERR, aber lenke Du nun alles so, dass Dein Reich weiter aufgebaut wird und Dein Wille geschehe.“

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Sr.Renate Thees (Montag, 27 Mai 2019 09:21)

    Es ist wirklich so, in großen. , wie in kleinen Dingen, kommt unser Herz zur Ruhe, wenn wir mit innerster Hingabe einwilligen: Dein Wille HERR Jesus geschehe.

  • #2

    Reinhard Schumacher (Montag, 27 Mai 2019 14:10)

    Danke, Waldemar! Eine richtig guter Impuls zum Sonntag Rogate ("Betet!") und zum Wahltag.
    Du legst das "Dein Wille geschehe" aus, ohne in schicksalhaftes Schulterzucken abzurutschen wie im Kölschen "Öt kütt wie et kütt". Du machst Mut zum Beten und zum Vertrauen auf Jesus. An ihn will ich mich auch dann klammern, wenn seine Entscheidungen anders sein sollten als meine Wünsche.